KAPITEL 5

 

Erst testen – dann tun

Oder:

Eine Studie – und ihre energischen Folgen

 

Es blieb also nicht bei Untersuchungen.

Mitten in Reutlingen – am zentralen Busbahnhof – rauscht die Echaz über eine alte Staumauer. Örtliche Fachleute nennen sie „Gerberwehr“. Seit 1360. (Der Name deutet an, dass es früher auch für Wasserkraftanlagen gedient hatte, die den Gerbern nützten.) In den 1990er Jahren überlegten sich Planungsstellen, das Wehr ab zu brechen. Danach wäre die Echaz dort ohne „Wanderungshindernis“ für Fische geflossen. Öko pur – angeblich. Doch dann warnten Baufachleute, nach Abbruch des alten Stauwehrs sinke der Grundwasserspiegel. Mit vielleicht verheerenden Folgen für alte Häuser in der Nähe. Der Ausweg: Das Wehr blieb stehen. Allerdings mit einem neuen Umgehungsbach für Wassergetier. Alles ausgeführt und bezahlt im Rahmen eines neuen Wasserkraft-Baus. Seit 1999 plätschern pro Sekunde etwa 200 Liter durch das „Umgehungsgerinne“ für Wassertiere ums Reutlinger „Gerberwehr“. Also so viel wie der Inhalt von 200 1-Liter-Flaschen – je Sekunde.

 

Durch die Kaplan-Turbine des so errichteten neuen Wassertriebwerks nebenan stürzen dagegen bis zu 2.400 Sekundenliter. Ergebnis: Der Generator der neuen Wasserkraftanlage schiebt pro Jahr etwa 240.000 Kilowattstunden Strom ins Netz der Reutlinger Stadtwerke. Genug für 60 durchschnittliche Privathaushalte – also für 180 bis 240 Privatpersonen. Gewonnen aus dem der treibenden Fall-Wucht des Wassers. Es fließt dort ohnehin vorbei. Elektrizitäts-Herstellung, ohne ein Gramm des Klimagases Kohlendioxid in die Luft zu blasen. Ebenso wenig Schwefel, Stickstoff oder Stäube. Bezahlt von den Reutlinger Stadtwerken – finanzierbar ohne Steuermittel. Denn irgendwann macht der Stromverkauf die Entstehungskosten des Kleinkraftwerks wieder wett – und bringt anschließend den Stadtwerken Gewinn. Also Einnahmen für ein gemeindeeigenes Unternehmen. Klimafreundlich, regenerativ, rentabel. Kurz: ökologisch-wirtschaftlich.

 

Modern wirkende,  ‚technische´ Energie-Architektur neben mittelalterlich wirkendem Wehr-Mauerwerk. Das empfand der damalige Reutlinger Oberbürgermeister Dr. Stefan Schultes als „ästhetisch-historisches Erlebnis“. Und Tübingens seinerzeitiger Regierungspräsident Hubert Wicker freute sich über die „gelungene Synthese“ aus Ökologie und Ökonomie.

 

Heimisch-klimaverträgliche Energiegewinnung, die es ermöglichte, beim Kraftwerksbau auch gleich einen Umgehungsbach für Fische an zu legen.

 

Blieb dafür das Reutlinger „Gerberwehr“ das einzige Beispiel.

Nein.

Mehr dazu im folgenden Kapitel 6.

 

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